Wie Twitter das Leben von Menschen mit Behinderung verändert hat
Carolina Osses für Shifted News
Der erste Tag auf der re:publica 2018 in Berlin ist angebrochen und Scharen von Menschen tummeln sich auf dem ganzen Station-Berlin-Gelände. Auf der Bühne mit der Nummer fünf soll gleich ein Vortrag über Twitter gehalten werden. Auf der größten internationalen Digitalmesse sollte das keine große Aufmerksamkeit erregen. Tut es aber, denn das Thema ist außergewöhnlich. Wie wurde Twitter zur Hauptplattform für körperlich oder auch geistig beeinträchtigte Menschen, um über das Thema Sexualität zu sprechen?
Ohne politisch sein zu wollen, müsste dieser Beitrag mit den einleitenden Worten „Dear Mr. President“ beginnen. Donald Trump ist ein wunderbares Beispiel, wie Twitter als Werkzeug missbraucht werden kann. Nicht so Robin Wilson-Beattie, Invaliditäts- und Sexualitätspädagogin. Sie ist ein leuchtendes Beispiel am Social Media-Himmel, wie die Twitter Plattform in den richtigen Händen sich durchaus zu einer nützlichen Angelegenheit entwickeln kann.
„Jeder Mensch hat das Recht Lust zu empfinden,“ betont Wilson-Beattie mehrmals in ihrem Vortrag, „auch Menschen, die körperlich beeinträchtigt sind.“ Sie spricht über ein Thema, welches für ganze 15% der Menschen auf der Welt Alltag ist. Behinderungen in jeglicher Form führe zu sozialen Barrieren, zur eingeschränkten Teilnahme an gesellschaftlichen Ereignissen und Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit den Mitmenschen, so Wilson-Beattie.
Auf die Frage, wieso sich die Community auf Twitter gefunden bzw. gebildet hat und nicht auf anderen sozialen Netzwerken, wie Facebook, antwortet Robin: „Facebook hat nicht die gleiche Möglichkeit der Interaktion. Die Art und Weise, wie Facebook aufgebaut ist, das Bilden von privaten Gruppen, damit erreichst du nicht die gesamte Bevölkerung.“ Ein weiterer wichtiger Punkt, den sie bei ihrer Präsentation betont, ist die traurige Wahrheit, dass Personen mit einer Behinderung statistisch gesehen oftmals weniger Geld zur Verfügung haben - sprich Twitter ist gratis. Der Gesellschaft sei es nicht bewusst, dass Menschen mit Behinderungen ein sehr viel eingeschränkteres Leben führen, da allein die beruflichen Aussichten, Bildung und der öffentliche Transport eingeschränkt seien. Mit Twitter ist der intensive und schnelle Austausch möglich.
Durch die Bildung einer Community auf Twitter hat sich einiges verändert. Der Hashtag #MeToo habe hierbei eine Lawine an Veränderung herbeigeführt. Sexuelle Gewalt und Nötigung gegen Frauen, sei auch ein Problem in ihrer Welt, so Robin Wilson-Beattie. „Ich wurde von meinem Arzt bei einem Abtreibungstermin sexuell belästigt.“ Allein die Tatsache, dass ein Beratungsgespräch für eine mögliche Abtreibung keine leicht zu verdauende Situation im Leben einer Frau darstellt, hierbei wurde Robin sogar noch von ihrem Arzt bedrängt. Aus solchen persönlichen Erfahrungen wurden speziell entwickelte Selbstverteidigungskurse für Frauen mit Behinderungen entwickelt. Dank Twitter wurden schon zahlreiche Kurse organisiert, Informationen online verbreitet und öffentlich gemacht.
Das Fazit nach diesem aufschlussreichen Vortrag ist, dass das Bewusstsein der Menschen für ihre Mitmenschen tagtäglich weiterhin geschärft werden sollte. Adam, ein 23-jähriger Besucher der Re:publica ist durch Neugierde bei diesem Vortrag gelandet. „Es wird viel zu wenig darüber berichtet und da habe ich mich aus Interesse einfach rein gesetzt,“ erklärt er. Dieses Interesse ist der Anker für zukünftige Entwicklungen, denn jeder Mensch hat das Recht auf Sex, Lust und das Ausleben der eigenen Bedürfnisse, egal welche körperlichen Beeinträchtigung man besitzt.