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Filter Clash. Die große Gereiztheit der vernetzten Welt

Short thesis

Was prägt das Kommunikationsklima der vernetzten Welt? Die Kernthese: Wir leiden nicht unter der Filter Bubble und der algorithmischen Personalisierung, sondern unter dem Filter Clash, dem Aufeinanderprallen höchst unterschiedlicher Wahrnehmungen und Weltbilder in digitalen Netzwerken. Relevantes, Berührendes, Banales und Bestialisches, Bilder der Armut und des obszönen Reichtums – all das ist nur einen Klick voneinander entfernt. Analytisch und anekdotisch wird gezeigt: Der Filter Clash erzeugt Aufruhr und Gereiztheit, schockiert und mobilisiert.

Description

Präsentiert wird eine neuartige Theorie des Stimmungswandels in der digitalen Gesellschaft, die ich auf der Republica 2018 gerne ein erstes Mal vorstellen möchte. Ausgangspunkt ist eine doppelte Einsicht: Zum einen ist es eine alltägliche Erfahrung, dass unter vernetzten Bedingungen unterschiedliche Varianten der Weltwahrnehmung aufeinander prallen. Die Filtersysteme eines Menschen lassen sich leicht aufbrechen – ein Link und ein einziger Klick genügen; man vermag sich eben gerade nicht (schon gar nicht im Falle von Extremereignissen wie Attentaten oder Anschlägen) gegen unerwünschte Informationen abzuschotten. (Netzwerktheoretiker sprechen hier von negativer Filtersouveränität, die es nicht gibt). Zum anderen haben diverse Untersuchungen gezeigt, dass die Theorie der Filter Bubble (Elli Pariser) und das Gefahrenszenario einer Gesellschaft, die in isolierte, unverbundene Echoräume zerfällt, nicht zutrifft, weil sich die Kommunikation in digitalen Netzwerken als sehr viel heterogener erweist. Es gilt: Je mehr Kontakte eine Person hat, desto wahrscheinlicher ist, dass sie mit Informationen konfrontiert wird, die nicht ihren Interessen entsprechen. Auf der Basis dieser doppelten Einsicht (Alltagserfahrung plus Netzwerktheorie) zeige ich mal anekdotisch, mal analytisch: Es wird in nie gekannter Geschwindigkeit möglich, gerade noch bestehende Informations- und Filterblasen aufzusprengen. Harmloses und Tragisches, obszöner Reichtum und bittere Armut, totale Banalität und Live-Dokumentationen des Bestialischen – alles ist gleichzeitig sichtbar. Die allmähliche Durchdringung des Alltags und des öffentlichen Raumes durch digital vernetzte Medien, die Leichtigkeit des Zugangs und unsere eigene Mediennutzung (always on) programmieren den Filter Clash. Die Folge ist, dass eine Art „information rage“ entsteht: Verstörung und Verunsicherung, Wut und Gereiztheit, die sich aus dem Aufeinanderprallen höchst unterschiedlicher Wahrnehmungen und Weltbilder ergeben.

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